Visions of Johanna deutsche Übersetzung von Bob Dylan

TRÄUME VON JOHANNA

Macht die Nacht dir mal wieder ‘n Strich durch die Rechnung
und lässt dich nicht zur Ruhe kommen?
Wir sind hier gestrandet, aber keiner von uns will sich’s eingestehn
Nur Louise versucht uns mit ‘ner Hand voll Regen aufzumuntern

Licht von der Dachwohnung gegenüber fällt herein
Die Heizung klingt, als hätte sie Husten
Softe Countrymusik tönt aus dem Radio –
Aber nichts davon lässt sich wirklich abstellen
Außer vielleicht Louise, die mit ihrem Lover rumknutscht
Und die Bilder von Johanna, die mir nicht aus dem Kopf gehen

Im Hinterhof drüben spielen die Ladies mit ihren Schlüsselketten
Und die Nutten flüstern von Eskapaden mit ihren Freiern
Der Wachmann leuchtet mit seiner Lampe
Und fragt sich, ob er oder die durchgeknallt sind

Louise ist ganz nett – und sie ist hier!
Zerbrechlich, fast wie ein Spiegel
Aber das macht mir nur noch mehr bewusst
Dass Johanna nicht da ist
Ein Lichtschein huscht über ihre Wangen
Und plötzlich verschwimmt mein Spiegelbild in das von Johanna

Der Kleine da fühlt sich total wichtig
Gibt mit seiner miesen Lage noch an, tönt rum, wie ihn das Risiko reizt
Und als Johannas Name fällt
Erzählt er, wie sie ihm mal einen Abschiedskuss gab
Der Typ ist echt nervig, einfach zu nichts zu gebrauchen
Spinnt rum von ihr, während ich nebenan im Flur steh
Wie soll ich’s erklären? An sie ran zu kommen ist verdammt schwer
Und die Bilder von Johanna raubten mir den Schlaf bis zum frühen Morgen

Im Museum kommt (der Glaube an) die Ewigkeit auf den Prüfstand
Einige plappern nach: “Ja, so sieht wohl die Erlösung aus!”
Aber Mona Lisa, so wie die lächelt, sieht aus, als hätte sie den Highway Blues
Die gemeinen Wandblumen erstarren
Wenn die dicken Frauen ungeniert niesen
Der Kerl mit dem Schnurrbart sagt: “Huch, ich glaub mir wird schwindelig.”
Und die Esel sind behängt mit Goldketten und ‘nem Opernglas
Aber gegen die Bilder von Johanna erscheint das alles ganz grausam

Der Dealer spricht gerade mit der “Gräfin”, die so tut, als mache sie sich was aus ihm
„Zeig mir einen, der nicht nimmt, was er kriegt, und ich werde hier laut für den beten!“
Aber Louise sagt doch immer: “Für den gibt’s hier nichts zu holen”
Und dann macht sie sich selbst an ihn ran!

Die Madonna ist immer noch nicht erschienen
Da ist nichts als ein leerer, rostiger Käfig
Und wo sie einst in großer Robe auftrat, macht jetzt ein Geiger Straßenmusik
Er schreibt: „Alle Schulden sind beglichen“ hinten auf den gerade beladenen Fischtransporter
Mir zerspringt der Kopf von der Leier der Mundharmonikas und des Regens
Und alles was bleibt, sind die Bilder von Johanna

Kommentar des Übersetzers:
Der Text dieses Liedes ist oft als eine der wichtigsten poetischen Äußerungen Bob Dylans bezeichnet worden. Das trifft sicherlich zu, wenn auch die meisten Deutungsversuche eine totale Überinterpretation darstellen, wie etwa die Annahme, dass es hier um die grundsätzliche Gegenüberstellung von Idealismus und Realismus gehe. Die meisten dieser Interpretationen sind eher Projektionen persönlicher Empfindsamkeiten der Interpreten, als dass sie einer Überprüfung real vorhandener HIntergründe oder biographischer Bezüge zu Bob Dylan standhalten würden. Fakt ist: Dylan lässt in allen seinen dichterischen Äußerungen Spielräume für persönliche Deutungen, das ist sein Markenzeichen (und im Übrigen Kennzeichen jeder guten Dichtung). Wer sich genauer über die kulturellen Hintergründe Dylans und seiner Zeit informieren will, sollte etwa Jack Kerouacs Roman “On the Road” (deutsch: Unterwegs) lesen, aus weiblicher Perspektive Patti Smiths “Just Kids”. Gleichermaßen bedeutend sind Allen Ginsbergs “Howl” (deutsch Das Geheul) und William Burroughs “Naked Lunch”. (gusto2021)

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