Grendel deutsche Übersetzung von Marillion

GRENDEL

Die Mitternachtssonne sagt den Mooren Lebewohl,
zieht sich zurück vor der dräuenden Dämmerung.
Das Bergecho des Abendgeläuts, Signal zum Ende des Tagewerks.
Sie setzen ihr Vertrauen in eicherne Türen,
kauern sich ins Kerzenlicht.
Die Panik sickert durch blutbefleckte Böden,
während Grendel durch die Nacht pirscht.

Der Weltenwallwanderer sucht seine Mahlzeiten!
Schichtet die Scheiterhaufen auf,
des Skalden Lieder heilen nicht länger mehr die Furcht
in ihren Augen, in ihren Augen, in ihren Augen, in ihren Augen…

Holzfiguren, heidnische Götter, starren blind über das Meer.
Eine Fürbitte um Hilfe von Ozeannebeln,
nach einem Erlöser, geboren aus Träumen.
Sie wissen, dass ihre Leben nun verwirkt sind;
Priesterhäupter neigen sich in Scham,
Sie können nicht ins Antlitz der zitternden Menge schauen,
die zurückschreckt in Grendels Namen.

Der Weltenwallwanderer sucht seine Mahlzeiten!
Schichtet die Scheiterhaufen auf,
des Skalden Lieder heilen nicht länger mehr die Furcht
in ihren Augen, in ihren Augen, in ihren Augen, in ihren Augen…

Als Grendel sein modriges Heim verlässt, tief unter dem stillen Moorsee,
zieht er weiter auf den Waldpfaden entlang,
bis hin zu Hrodgars wohlbekannter Halle.
Er weiß, sein Triumph wird gewiss sein, sein Zauber wird ihn bezeugen.
Seine Klauen werden tropfen vom Blut der Sterblichen,
während Mondstrahlen durch den Äther jagen.

Der Weltenwallwanderer sucht seine Mahlzeiten!
Schichtet die Scheiterhaufen auf,
des Skalden Lieder heilen nicht länger mehr die Furcht
in ihren Augen, in ihren Augen, in ihren Augen, in ihren Augen…

Seidene Membranen säumen seinen Pfad, Fingerabdrücke im Tau.
Bewohner von zwielichtigen Orten bitten ihn ehrfürchtig hindurch,
Bastardgeschöpf von Mutter Natur, gemieden von Blatt und Strom.
Ein Fremder in einem befremdlichen Land sucht Trost in seinen Träumen.
Des Bildners Lügen, seine vergiftete Zunge verlästert zur höhnenden Harfe.
Betörende Königin, Ihre Unschuld beleidigt sein eisiges Herz.

Wachhunde erstarren zum Schweigen, gebannt durch den Drachenzauber.
Schweflige Essenz durchdringt das grasbewachsene Tal.
Heorot erwartet ihn, wie das Lamm des Schlächters Klinge,
Der sternenklare Himmel ignoriert selbst der Kinder Schreie.

Schreie sind seine Musik, der Blitz sein Wegweiser,
Vergewaltiger der Dunkelheit, der Tod an seiner Seite.

Singsang erhebt sich in Schrecken, erklingt frei um die Eichenbalken.
Flackernder Feuerschein portraitiert die grausige Szenerie,
Krieger rücken vor, wappnen sich für ihren Alptraumfeind.
“Nutzlos ihr Opfer, wie ihre Herzen selbst wohl wissen müssten”

Heldenverblendung, mit den Füßen bereits im Grab.
Der Lauerer auf der Schwelle, er schert sich nicht um den Mutigen,
er schert sich nicht um den Tapferen.

“So dachtet Ihr also, dass mich eure Riegel und Schlösser aussperren würden? Ihr hättet es besser wissen sollen nach all dieser Zeit!
Ihr werdet in Blut bezahlen für all eure lasterhafte Falschheit,
mit eurer hässlich bleichen Haut und euren grässlich blauen Augen.
Warum sollte ich Mitleid empfinden,
wenn ihr die eurigen mordet und keine Scham fühlt?
Gott ist auf meiner Seite, zum Teufel,
Ich werde keine Schuld auf mich nehmen.
Ich werde keine Schuld auf mich nehmen,
Ich werde keine Schuld auf mich nehmen!

So sagt Ihr also, ihr glaubtet an alle Gesetze von Mutter Natur.
Doch giert Ihr nach Gold mit euren gewetzten Messern.
Oh, wenn eure Schatztruhen gefüllt sind
und eure Feinde am Boden zurückgelassen zum Verrotten,
dann betet ihr mit bluttriefenden Händen
zu den Füßen eurer heidnischen Götter.

Und dann versucht ihr, des Meuchler´s Klinge in meine Hände zu legen.
Ihr ruft nach Gerechtigkeit und verzerrt die Wahrheit..
Nun, ich hatte genug von all euren schönen, hübschen Reden.
Empfangt eure Strafe!
Entblößt eure Kehlen für meine rechtschaffenen Klauen
und lasst das Blut fließen,
und lasst das Blut fließen, fließen.
Fließen, fließen, fließen, fließen!
Lasst das Blut fließen, und lasst das Blut fließen, fließen!
Fließen, fließen, fließen, fließen, jetzt!”

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Im “Beowulf”(Bienenwolf=Bär), dem bedeutendsten frühmittelalterlichen Heldengedicht aus dem angelsächsischen Raum, ist Grendel ein schreckenerregendes menschenfressendes Ungeheuer, ein Unhold “böser Troll” der nord. Mythologie, bzw. nach frühchristlichem Verständnis des Autors, ein gebildeter Kleriker der den im frühen Englaland umlaufenden skandinavischen Sagenstoff verarbeitete, ein Dämon oder Spross von Kains gefallener Sippe.
Abweichend vom Heldenepos orientieren sich Marillion hier an der literarischen Gegendarstellung “Grendel” (1971) von John Gardner (1933-1982), in dem die gesamte Handlung aus der Sicht des Monsters dargestellt wird: In seinem sensiblen Inneren wird das Monstrum von Selbstmitleid gequält. Er ist immer allein und von seiner ausweglosen Existenz verdrossen. Er verabscheut die Menschen für Ihre Falschheit, fühlt sich aber andererseits aus Langeweile auch zu ihnen hingezogen und wird so zu einem aufmerksamen Beobachter Ihres Verhaltens. Insbesonders ein aufstrebender germanischer Stammesanführer der Skyldinge namens Hrodgar (nord. Hroar) im Norden von Jütland (Dänemark) hat es Grendel angetan. Grendel wird Zeuge, wie Hrodgar seinen Einfluss durch Kriege und Ränke immer weiter ausdehnt und letztlich König der Dänen wird. Da dies im 6 Jahrhundert n.Chr. geschieht, hat sich hier der christliche Glaube noch nicht verbreitet (die Missionierung kam hier erst später mit Bonifatius), daher heidnische (nordische) Götter und Götzen (zumindest aus der Sicht des frühchristlichen Autors des Beowulf aus Englaland).
Durch unglückliche Umstände und Verkettung von Ereignissen werden aus Monster und König Feinde, eine friedliche Koexistenz scheint nicht möglich. Mit dem Bau von Hrodgars gewaltiger Methalle “Heorot” (Halle des Hirsches) beginnt dann eine Fehde zwischen Grendel und Hrodgar, die ganze zwölf Jahre dauert und die erst mit dem Tod Grendels durch einen Hrodgar zu Hilfe kommenden Gautenkrieger aus Südschweden endet: Beowulf.
Die Menschen verteufeln Grendel uns machen ihn zum Sündenbock für alles Schlechte, was Ihnen widerfährt. Besonders von Hrodgars altem und blindem Geschichtenerzähler (Bildner/Skalde/Scop) fühlt sich Grendel bösartig verleumdet und die Menschen völlig zu Unrecht zu rechtschaffenden Helden verklärt, während der Kampf gegen ihn (das Böse) zur göttlich gerechten Sache hochstilisiert wird.
Nur Hrodgars Gemahlin, Königin Waltheow (eingeheiratet, ursprünglich aus dem Stamm der Wylfinge), berührt und ärgert Grendel gleichsam mit Ihrer Anmut und Unschuld. Er bringt es einfach nicht über sich, sie zu töten. Erst im weiteren Verlauf der Geschichte kann sich Grendel von Ihrem zerüttenden Einfluss auf sein gespaltenes Gemüt befreien.
Grendel sieht immer mehr hinter die Fassade des menschlichen Handelns und erkennt keinen Grund für eigene Gewissensbisse, da die Menschen selbst zutiefst verkommen sind. Er sieht sich daher in der Rolle eines Bestrafers. Er will die Menschen durch ständige Erinnerung an Ihre Ohnmacht und eigene Sterblichkeit angesichts eines scheinbar übermächtigen Feindes (er selbst – aufgrund eines Drachenzaubers kann er mit normalen Waffen nicht verletzt werden und alle Tiere schweigen in seiner Nähe) auf den Boden der Tatsachen zurück holen und von Ihrer Hochmut läutern. Da seine Gegner aber “Menschen” sind, kann er aber letztlich daran nur scheitern…
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In Anführungszeichen gesetzt: Grendels Monolog

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